Katz frisst Maus

Die Knochen, sie knacken
Die Knochen, sie bersten
Der Schädel zersplittert
Den Kopf frisst's zum Ersten

Die übrigen Teilchen
werden gierig verschluckt
Nur den Magen will's nicht fressen
der wird ausgespuckt

Das blutige Maul
sauber geleckt
mit der Tatze des Todes hat's
Maus niedergestreckt

Wie gewaltvoll erscheint
das getigerte Biest
das mich maunzend machte
zum spectator of the feast

Dem Festmahl wohnte 
ich ambivalent bei
mich selbst dran erinnernd
dass des Lebens Lauf ein sterblicher sei

Katz frisst Maus – gelesen von Marlene Seibel

Katz frisst Maus, 2020

Im Wald

Eine Schar Vögel
zieht über mir vorbei
aus den Hälsen kreischend
Mit den Flügeln schlagend
Das Rauschen der Wolke
Übertönt ihr eigenes Geschrei
Der Regen tropft auf das Laub
das unter meinen Füßen raschelnd ruht
Tropf
Tropf
Tropf
Links.
Rechts.
Tropf.
Tropf.
In der Ferne bellt ein Hund
Ein Mal
Zwei Mal
Wuff
Wuff
Eine Taube gurrt
Sechs Gänse krächzen
Weit weg tösen Motoren
Mehr Vögel zwitschern
Singen ihr Lied
Ich stehe hier
und schreibe meins

(2020)

Frausein Menschsein

The Feminine, 2020, Tinte auf Papier

Ich
bin eine Frau

ich bin gerne eine Frau

Ich
ich bin ein Mensch
ich bin gerne ein Mensch

Schwester bin ich
Mutter bin ich
wo mich Mensch als Mutter braucht
wo mich Mensch als Schwester braucht

sinnlich liebend
kann ich sein
wenn mein Körper menschlich liebt

ich gebe das
was ich geben möchte
das gebe ich
bedingungslos
gebe ich das
was manch ein Mensch manchmal nicht hat

(2020)

Süchtig nach Leben

Ich bin süchtig nach Leben.
Ein Sichberauschen am Leben.
Manchmal sich berauschend, um mehr zu leben.
Um das Leben zu fühlen in allen Formen und Farben.

Und doch verschwimmen im Rausch die Farben,
vermischen sich Formen.
Wird alles zu einem Wirrwarr aus Licht,
Schatten und verschwommenen Grenzen.

Grenzen im Kopf lösen sich auf.
Die Zunge lockert sich.
Was da ist, kommt raus.

Glorifiziere ich den Rausch?
Manchmal.

(2019)

Auf Augenhöhe

Wir nähren uns an. Unsere Schnittmenge nimmt zu.
Ich gehe weiter auf dem Weg, den du schon länger gehst.
Mein Schritt ist schnell, doch rennen tue ich nicht.
Ich laufe dir nicht nach, doch ich folge deiner Richtung.
Ich gehe nicht in deinen Fußspuren.
Ich trete auf meinem eigenen Pfad.
Doch der verläuft zunehmend paralleler zu deinem.
Wir gehen nebeneinander.
Auf Augenhöhe.

(2018)