Auf Augenhöhe

Wir nähren uns an. Unsere Schnittmenge nimmt zu.
Ich gehe weiter auf dem Weg, den du schon länger gehst.
Mein Schritt ist schnell, doch rennen tue ich nicht.
Ich laufe dir nicht nach, doch ich folge deiner Richtung.
Ich gehe nicht in deinen Fußspuren.
Ich trete auf meinem eigenen Pfad.
Doch der verläuft zunehmend paralleler zu deinem.
Wir gehen nebeneinander.
Auf Augenhöhe.

(2018)

Partner

Ich bleibe in der Mitte und spreche ein offenes Wort.
Ich zeige, wer ich bin, ich geb mich nicht fort.
Ich möchte, dass er bleibt, wie er ist.
Dass er mich versteht und mich ich sein lässt.
Ich möchte, dass wir uns auf gleicher Höhe begegnen,
sich selbst und den andern gleichermaßen lieben.
Dass wir uns erden und uns beflügeln
und wie Himmel und Erde ein Ganzes kreieren.
Ich möcht mich ihm geben, wenn er mich nimmt, wie ich bin.
Mit dem Drang nach Freiheit, mit dem Herzen von Sinnen.
Denn ich hab ihn lieb für seine Art,
bewund’re sein Herz, so warm und so zart.
So voller Liebe, so voller Gefühl,
das ist was Besond’res, das gibt es nicht viel.
Jetzt gilt es noch diesen Knoten zu lösen,
und sich dann hinzugeben, dem Leben und Lieben.

(2018)

(End)gültigkeit

Was habe ich gerade zu sagen?, fragte die Frau. Wem zu sagen? Mir zu sagen? Dir zu sagen? Euch zu sagen? Fragen über Fragen über das Sagen! Und wie sieht es mit den Antworten aus? Gibt es die auch? 

Ja, die gibt es. Die ändern sich nur oft. Die Fragen bleiben dieselben, doch die Antworten ändern sich. 

Ist das wirklich so? 

Nein. Manchmal ändern sich auch die Fragen. 

Und die Antworten, die ändern sich immer?

Oh nein, auch das nicht. Manchmal bleiben die Antworten auch so, wie sie sind. 

Aber woher weiß ich denn dann, ob die Antwort auf eine Frage endgültig ist?

Das kommt auf die Frage an. Und auf den, der fragt. Und auf den, der antwortet. Und auf die Geschichten, die beide zum Zeitpunkt des Stellens der Frage mit sich herumtragen. Und auf den Verlauf dieser Geschichten, nachdem die Frage gestellt und die Antwort gegeben wurde.

Herrje, das sind ja viele Komponenten, die es da zu beachten gibt.

Ja, wirklich. Spannend, nicht wahr?

Ich weiß nicht. Ich wüsste doch manchmal wirklich schon sehr gern, ob die Antwort, die ich auf meine Frage kriege, auch gilt.

Mein Lieber, na, gelten tut sie ja, wenn du weißt, wer fragt, und du weißt, wer antwortet, und du weißt, welche Geschichten beide so mit sich herumtragen. 

Ja, aber wie sich diese Geschichten entwickeln, weiß ich doch nicht.

Das wissen die wenigsten. Vielleicht weiß es es gar niemand.

Aber wie soll ich denn dann wissen, ob die Antwort, die ich kriege endgültig ist?

Nun schau, aus dem, was ich dir gerade geantwortet habe, müsstest du schließen können, wann eine Antwort endgültig sein kann.

Ja, nun, du machst es einem auch nicht gerade leicht.

Ich mache es weder leicht noch schwer. Du musst nur selbst darauf kommen.

Wenn also endgültige Antworten davon abhängen, wie sich die Geschichten des Fragende und die Geschichten des Antwortenden entwickeln, wie sich die beiden selbst sozusagen entwickeln… wie sich ihre Leben entwickeln…und wenn das etwas ist, das vielleicht gar niemand weiß… ja, wie soll es denn dann endgültige Antworten geben können?

Aha, du kommst der Sache näher! 

Aber das ist doch sehr ernüchternd, sehr betrübend! Dann kann ich mich doch auf nichts verlassen, wenn eine Antwort nie endgültig sein kann!

Jetzt bist du nur den halben Weg gegangen. Schau noch einmal hin. 

Aber ich habe doch schon gesehen, dass eine Antwort nie endgültig sein kann.

Das stimmt. Aber du hast nicht gesehen, dass eine Antwort trotzdem gültig sein kann.

Was? Wie meinst du das?

Wenn du im Hier und Jetzt bist, wenn du also den Fragenden kennst, und den Antwortenden kennst, und du weißt, welche Geschichten beide im Hier und Jetzt mit sich herumtragen, dann weißt du, ob die Antwort, die du kriegst, gültig ist.

Ja, das sagtest du schon… aber endgültig und in Stein gemeiselt ist dann doch nichts.

Das stimmt. Doch das ist es, was du verstehen musst. Nichts und niemand ist jemals in Stein gemeiselt. Nichts und niemand ist endgültig. Weder du, noch ich. Weder Fragen, noch Antworten. Und besonders nicht im Hier und Jetzt. Denn hier und jetzt ist man nichts. Man ist. Und das Sein ist Fluss. Es wandelt sich in jedem Moment.

Also langsam komme ich nicht mehr mit…

Na, dann bleib noch ein bisschen stehen.

Hey! Aber ich will doch mitkommen…

Dann hör auf zu denken, und komm mit in die schönen Gefilde des Seins. Dorthin, wo vieles gültig, aber nichts endgültig ist. Dorthin, wo alles Fluss, wo alles Wandel ist. Wo nichts konstant ist, außer der Wandel. Wo hell und dunkel, Freud und Leid, männlich und weiblich in Frieden nebeneinander und miteinander existieren.

Das klingt so…schön. So…friedlich.

Es klingt nach Gleichgewicht. Nach Ausgewogenheit. 

Ja, wirklich! Doch, wie gelange ich dorthin?

Bringe all diese Kräfte in dir in dieses Gleichgewicht, und du wirst da sein. In den Gefilden des Seins.

(2019)

Das Ding

Marlene betrat die Küche. Nichtsahnend, der Blick noch leicht vom Schlaf verhangen, wollte sie schon, wie gewohnt, direkt auf die Spüle zusteuern, um sich Wasser für den morgendlichen Kaffee abzufüllen, als ihre Augen von etwas gefangen wurden, das, zumindest am Abend zuvor, noch nicht in der Küche gestanden hatte. Etwas von so fremder Natur, von so abstrakter Form, dass Marlene auch bei näherem Hinsehen nicht genau entschlüsseln konnte, was da eigentlich für ein Ding vor ihr stand. Doch es war ein Ding von so unerhörter Hässlichkeit, von so unsagbarer Geschmacklosigkeit; ein Ding, das sich einen Spaß daraus machte, alle geometrischen Figuren ohne Sinn und Verstand zu kombinieren, ein Ding, das vorlaut seine Deplatziertheit herausschrie und gleichzeitig zelebrierte; ein Ding, das Marlene nicht umhin kommen ließ, sich zu fragen: Was tat dieses Ding hier? Was sollte es? Was wollte es? 

Die Bedrohung, die das Ding auslöste, war spürbar. Es nahm Raum ein durch seine Sinnlosigkeit, Raum, den Marlene nicht preiszugeben vorgehabt hatte! Doch, was tun? Nun war das Ding da, stand mit seiner Fratze direkt hinter Marlenes angestammtem Platze. Einfach hinauswerfen konnte sie es nicht. Das wusste das Ding! Seine Fratze grinste höhnisch. Wenn Marlene doch wenigstens erraten könnte, was dieses Ding wollte! Wenn sie doch immerhin sein Geheimnis lüften könnte! Wenn sie dem Sinnlosen einen Sinn, einen Zweck geben könnte! Doch das Ding blieb standhaft. Es gab nichts preis. Es verriet nichts. 

Der Dorn in Marlenes Auge begann zu schmerzen. Sie musste sich fürs erste entfernen. Vielleicht konnte sie zu späterer Stunde, vielleicht wenn der Kaffee seine Wirkung entfaltet hatte, erkennen, wozu das Ding nütze war. Bis dahin musste sie sich entziehen, und das Ding Ding sein lassen.

(2019)

Bis zum letzten Grund

Die Masse will für alles eine Erklärung, will alles greifen können. Will kategorisieren, definieren, in Schubladen stecken. Will das greifen, was man mit Händen und Worten nicht greifen kann, was man nur erfahren kann.

Nimmt man einer Sache nicht ihre Faszination, ihren Zauber, wenn man sie bis aufs kleinste zu erklären versucht? Warum vordringen bis zum „letzten Grund“, wenn man diesen einerseits doch nie erreichen kann, und sich andererseits den Spaß an der Sache durch ihre kleinteilige Zerlegung ganz buchstäblich zerstört?

(2018)

Freud und Leid

Ich bedarf all meiner Schmerzen, all meiner Erfahrungen, den schönen und den schmerzhaften, denn sie sind es, durch die ich die Ganzheit, die Einheit von allem erkennen kann. Es gibt kein Schönes ohne das Hässliche, es gibt keine Freude ohne Schmerz. Es gibt kein Gut ohne Böse. Alles ist miteinander verbunden, alles ist eins. Alles hat einen Sinn, und zugleich keinen Sinn.

Ohne meine Schmerzen, ohne meine Ängste wäre ich nicht vollkommen. Ich wäre abgeschnitten von den anderen Menschen, könnte nicht fühlen, was sie fühlen. Schmerz erdet, Freude beflügelt, Liebe verbindet. Aufrichtig lieben will ich darum. Meinen Nächsten und mich selbst.

(2018)

Untitled

Wir übten Verzicht
Wir lernten das Schweigen
Wir übten den Gleichmut
Machten ihn uns zu eigen

Sie sei jetzt geläutert
Gereinigt ihr Geist
Befreit nun vom Schleier
Von den Zwängen der Zeit

All den Besitz
Den braucht sie nicht mehr
Das Schöne, das Scheinende
Es trüge doch sehr

Dann öffnet die Kammer
Es glitzert und glänzt
Begierde, die schlief
Bald lodert, bald brennt

Die funkelnden Steine
Der silberne Ring
Zurück an den Finger
Schon schließt sich die Schling‘

Ach! Ist das nicht schön
Wie es funkelt und scheint?
Warum soll ich’s nicht haben?
Es ist schließlich meins

Und schaut wie der Ring
Umschmeichelt die Hand
Wie er schmückt meinen Finger
Mit Glitzer und Glanz

Ach, armer Mensch
Du hast nichts gelernt
Bleibst weiter verblendet
Getrennt und entfernt
Vom inneren Kern
Von deinem Selbst
Dabei ist es das
Was dich wirklich hält

(2018)