Geld

Geld schläft nicht? – Photo by Vladislav Reshetnyak on Pexels.com

Dieser Text ist nicht als philosophische Abhandlung über Geld gedacht (oder doch?). Vielmehr skizziere ich hier meinen eigenen Weg im Umgang mit Geld. Warum? Weil mich dieser Weg gelehrt hat, dass wir Geld anders denken müssen.

Ich bin in einer Familie aufgewachsen, in der Geld oft ein Thema war. Entweder als der gefühlte Mangel an Geld oder als Geld als gestaltendes Element von Beziehungen: Über das Geld, das ich dir gebe, zeige ich dir den Wert, den du für mich hast.

Dass das Geld aber leb- und lieblos ist, spürt gerade ein Kind in besonderem Maße. Die Logik, über Geld menschliche Wertigkeit ausdrücken zu können, erschloss sich mir darum schon im Kindesalter nicht. Gleichwohl übernahm ich allerdings den Glauben, dass wir in der Familie – vielleicht nicht unbedingt einen Mangel an Geld, aber doch wenig Geld zur Verfügung hatten. In der Schule herrschte Markenwahn, meine Mitschüler*innen lebten in großen Einfamilienhäusern, top in Schuss. Ich lebte mit meiner Mutter und meiner Schwester in einer zugigen Wohnung mit siebziger-Jahre-Bad, grüne Teppichfliesen, von unseren Rennmäusen angefressen, inklusive. Ein Paar Puma-Turnschuhe bekam ich auch, schlechtes Gewissen ob des stolzen Preises gab’s gratis dazu.

Unwohl gefühlt habe ich mich zuhause nie. Im Gegenteil. Die Liebe und die Wärme meiner Mutter nährten mich wohl. Der Gedanke an Geld oder ans Geldverdienen war es, was mich unwohl sein ließ.

Schon als Kind und Jugendliche wollte ich eigentlich nichts anderes tun, als meiner kreativen Natur zu folgen. Schreiben, zeichnen, malen, lesen, fantastische Welten ersinnen und darin spielen, in einer anderen Realität leben – all das brachte mich sehr gut durch meine Schulzeit.

Je näher das Abitur rückte, desto bedrückender aber wurde der Gedanke: Was soll ich werden? Und zwar von Beruf! Mit Kunst kann man kein Geld verdienen, war der erste Glaubenssatz, und Geld verdienen muss man ja, der zweite. Du bist eh nicht gut genug, kam als Drittes hinzu.

Nach dem Abitur ging ich nach Kanada, lebte bei meinem Vater und arbeitete ehrenamtlich bei einem Community-Radiosender. Ich unterstützte beim jährlichen Spendenlauf, produzierte Snippets, moderierte Sendungen, räumte die Musikbibliothek auf und packte auch sonst überall da an, wo ich gebraucht wurde. Niemals zuvor hatte ich so eine Art von Sinn und Erfüllung erfahren wie zu dieser Zeit. Ich schrieb viel, zeichnete, war glücklich. Geld verdiente ich damals nicht.

Zurück in Deutschland wieder die quälende Frage nach dem Beruf. Um mein, wie ich damals dachte, eigenes Sicherheitsbedürfnis zu stimulieren, strebte ich eine Tätigkeit als Kulturjournalistin an. Durch diverse Praktika erkannte ich aber recht schnell: Für die meisten Medien zu arbeiten, würde für mich Gefängnis und den Ausverkauf meines Selbsts bedeuten. Wie sollte ich positiv über etwas berichten, hinter dem ich nicht stand, nur weil ein Anzeigenkunden für diese Meinung bezahlt hatte?

Ich ging an die Uni, studierte Medienmanagement und Medien und Musik, um mich kritisch mit Medien auseinanderzusetzen – und auch, um meine kreative Seite zu stimulieren.

Um meinen Eltern nicht so sehr zur Last zu fallen, fing ich direkt im ersten Semester an zu jobben – und tat das fast mein ganzes Studium hindurch. Zum Schluss arbeitete ich 20 Stunden in der Woche, zusätzlich zu meinem Vollzeitstudium. Urlaub nahm ich selten bis nie. Fehltage hatte ich so gut wie keine. Ich verdiente mein eigenes Geld, machte keine Schulden, war unabhängig. Aber glücklich war ich nicht.

„Ich bin stolz, wie straight du das alles durchgezogen hast!“, sprach mein Vater, nachdem ich meinen Master abgeschlossen hatte. Damals wusste er noch nicht, dass ich während des Studiums zweimal in Psychotherapie gewesen war.

Nach dem Studium trieb mich der Geld-verdienen-muss-man-ja-Gedanke in diverse Anstellungsverhältnisse in Agenturen, die ich alle früher oder später wieder verließ, weil ich es nicht ertragen konnte. Ich lebte in schönen Wohnungen, ging mal nett essen oder ins Museum. Und doch fühlte ich mich eingesperrt, sinnentleert, meiner Freiheit beraubt. Kreativ sein konnte ich nicht mehr. Ich wollte zwar nie viel Geld verdienen oder reich werden, aber ich unterlag doch dem Zwang, Geld als eine notwendige Lebensgrundlage zu sehen, ohne die es sich eben nicht auskommen ließe: „Irgendwas muss de Lüt ja freten!“, ist ein plattdeutscher Ausdruck. Und das, was es „to freten“ gibt, muss ja von irgendwo herkommen…

Dass mich der Kapitalismus innerlich töte, war ein Gedanke, der ab 2010 immer wieder präsent war und den ich seit Ende 2017 als eigene Erfahrung für mich begriffen habe. Seither weiß ich, dass die mir eingeprägte und gesellschaftlich konstituierte – oder sollte ich sagen konstruierte – Bedeutung von Geld in großem Maße dazu geführt hat, dass ich mich selbst immer wieder sehr weit von meinem eigentlichen Wesen entfernt habe – und dass dadurch eben auch der Zugang zu meiner Kreativität versiegt ist. Und das, wiederum, fühlte sich wie sterben an.

Seit dieser Erkenntnis habe ich viel verändert: Ich gab einen Großteil meines Besitzes auf, kündigte meine Wohnung und meinen Job, ging kurz zurück an die Uni, ließ mich noch mal andernorts anstellen, kündigte wieder, machte mich schließlich als Yogalehrerin, Publizistin und freischaffende Künstlerin selbstständig und zog in eine kleine Gemeinschaft aufs Land. Hier sitze ich nun in unserer Küche und tippe diese Zeilen.

Verdiene ich damit Geld? Ein bisschen.

Bin ich glücklich? Ja!

Und wie lebe ich jetzt? Noch habe ich das Geld nicht ganz aus meinem Leben gestrichen – und werde es vielleicht auch nie gänzlich tun können. Vielleicht ist das aber auch gar nicht nötig. Was ich aber getan habe und auch schon seit einiger Zeit tue, ist, mein Konsumverhalten zu verändern und damit meine Lebenshaltungskosten zu senken. Ich habe Fixkosten für Miete, Krankenversicherung, meine Mitgliedschaft in einem Theaterverein, Handy, Kontoführung, (Berufs-)haftpflicht und eine Software, die ich für meine Buchhaltung benötige (juhu, Verwaltung). Unsere Nahrungsmittel kaufen wir über eine WG-Umlage. Frisches Gemüse bekommen wir außerdem von einem meiner Mitbewohner, der als Landwirt auf einem Biohof arbeitet. Demnächst bepflanzen wir wieder den eigenen Garten. Ab und zu habe ich Kosten für Bus und Bahn, fahre aber viele Strecken mit dem Fahrrad. Alle vier Wochen kommen Kosten für die Tage einer Frau hinzu. Ab und an kaufe ich Bücher und Obdachlosenzeitungen oder gebe Geld für anderes Kulturgut aus, um darüber meinen Horizont zu erweitern. Alles andere, das sich kaufen ließe, betrachte ich als etwas, das ich nicht zwingend brauche und sehe daher größtenteils von solchen Käufen ab. So kann ich aktuell für unter 1.000 € im Monat gut leben. Luft „nach unten“ gibt es noch. Daran arbeite ich derzeit.

Da ich selbst möglichst unabhängig vom Geld sein möchte und da ich weiß, dass ich diese Unabhängigkeit nur durch die Kooperation mit anderen und durch das allmähliche Überwinden der Tauschlogik erreichen kann, möchte ich auch, dass Menschen, die mit mir arbeiten wollen, keinen Geld- und Preiszwängen unterliegen. So biete ich meine Arbeit in vielen Fällen gemäß dem „Pay what you want“-Prinzip an. Das, was ich erwirtschafte, soll meine Lebenshaltungskosten decken und mir ermöglichen, meine Zeit sinnvoll (und eben auch unentgeltlich) einzusetzen.

Und was ist sinnvoll? Für mich ist, in aller Kürze, all jene Arbeit oder Tätigkeit sinnvoll, die der Heilung des sozialen Ganzen dient. All jene Tätigkeiten also, deren Ziel es ist, das gesellschaftliche Miteinander für alle Beteiligten nach den Prinzipien Freiheit, Gleichheit, Menschlichkeit zum Positiven zu verändern. Mehr dazu schreibe ich in einem anderen Beitrag. Dieser Text soll nun ein Ende finden.

Ob wir das Geld gänzlich abschaffen sollten, vermag ich abschließend nicht zu sagen. Vielleicht reicht ein neuer Umgang damit. Dieser Umgang muss aber aus der Veränderung der inneren Haltung eine*r jede*n Einzelnen resultieren. Wenn ein*e jede*r begreift, dass wir Geld nicht brauchen und dass wir so viel mehr haben, das wir uns stattdessen geben können, dann gelingt die sanfte Umwälzung des Geldsystems von ganz allein.

Ich sitze noch immer in der Küche. An der Wand mir gegenüber prangt ein Poster der Pogo-Partei. „Arbeit ist Scheiße!“, steht provokativ drauf. Wenn es statt „Arbeit“ „Geld“ hieße, ginge ich wohl mit…

P.S.: Wer sich näher mit dem Thema „geldfreier leben“ befassen möchte, sei hier noch auf die Arbeit von Pia Damm und Tobi Rosswog hingewiesen, die das Leben ohne Geld 2,5 Jahre lang gemeinsam erprobten.

Rio Reiser, Geld, 1990

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: