Das Ding

Marlene betrat die Küche. Nichtsahnend, der Blick noch leicht vom Schlaf verhangen, wollte sie schon, wie gewohnt, direkt auf die Spüle zusteuern, um sich Wasser für den morgendlichen Kaffee abzufüllen, als ihre Augen von etwas gefangen wurden, das, zumindest am Abend zuvor, noch nicht in der Küche gestanden hatte. Etwas von so fremder Natur, von so abstrakter Form, dass Marlene auch bei näherem Hinsehen nicht genau entschlüsseln konnte, was da eigentlich für ein Ding vor ihr stand. Doch es war ein Ding von so unerhörter Hässlichkeit, von so unsagbarer Geschmacklosigkeit; ein Ding, das sich einen Spaß daraus machte, alle geometrischen Figuren ohne Sinn und Verstand zu kombinieren, ein Ding, das vorlaut seine Deplatziertheit herausschrie und gleichzeitig zelebrierte; ein Ding, das Marlene nicht umhin kommen ließ, sich zu fragen: Was tat dieses Ding hier? Was sollte es? Was wollte es? 

Die Bedrohung, die das Ding auslöste, war spürbar. Es nahm Raum ein durch seine Sinnlosigkeit, Raum, den Marlene nicht preiszugeben vorgehabt hatte! Doch, was tun? Nun war das Ding da, stand mit seiner Fratze direkt hinter Marlenes angestammtem Platze. Einfach hinauswerfen konnte sie es nicht. Das wusste das Ding! Seine Fratze grinste höhnisch. Wenn Marlene doch wenigstens erraten könnte, was dieses Ding wollte! Wenn sie doch immerhin sein Geheimnis lüften könnte! Wenn sie dem Sinnlosen einen Sinn, einen Zweck geben könnte! Doch das Ding blieb standhaft. Es gab nichts preis. Es verriet nichts. 

Der Dorn in Marlenes Auge begann zu schmerzen. Sie musste sich fürs erste entfernen. Vielleicht konnte sie zu späterer Stunde, vielleicht wenn der Kaffee seine Wirkung entfaltet hatte, erkennen, wozu das Ding nütze war. Bis dahin musste sie sich entziehen, und das Ding Ding sein lassen.

(2019)

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